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Diakofto-Kalavrita
Museums-Lok
Kalavrita

Durch den Grand Canyon des Peloponnes

Ein Stück unberührtes Griechenland: mit der Schmalspurbahn von Seehöhe Null ins Gebirge nach Kalavrita. Felsen ragen 800 Meter senkrecht in die Höhe.

Der Tavernenwirt spricht nicht viel englisch, mit einer Geste bedeutet er dem Fremden, ob er essen möchte und leitet ihn sogleich an der Theke vorbei nach hinten in die Küche. In dem engen Raum sind zwei alte Frauen in schwarzen Röcken über allerlei Blechtöpfe gebeugt. Bereitwillig lupfen sie die Topfdeckel und zeigen dem Gast die vor sich hinblubbernden Speisen: Huhn und Lamm in fetten Soßen, Bohnen, Spinat, Spaghetti, Pommes aus großen Kartoffeln und noch ein paar feine Sachen. Wenige Minuten später landet die persönliche Speisenauswahl auf dem Tisch des Gastes. Ölgetränktes Gemüse, dazu frisches Weißbrot und eine Karaffe harzigen Weißweines.
Es existiert tatsächlich noch: das echte, ursprüngliche Griechenland. In Kalavrita kann man es noch finden, hier in den Bergen der Halbinsel Peloponnes. An der Nordflanke des bis zu 2400 Meter hohen Helmos-Gebirges liegt das kleine Dorf. Schlicht und unspektakulär, keine Postkartenidylle und kein blau-weißer Griechenland-Kitsch. Obwohl hier immer wieder Touristenbusse auf dem Weg in die umliegenden Bergklöster Station machen, gibt es noch nicht mal Ansichtskarten von Kalavrita.
Die eigentliche Sensation des Ortes ist die Reise dorthin. Wer wie vor hundert Jahren mit der Schmalspurbahn vom Küstenort Diakofto heraufkommt, der erlebt ein unvergeßliches Spektakel. Eine Stunde lang geht es von Seehöhe Null aus über Zahnradstrecken nach oben bis auf 714 Meter - die 22,3 Kilometer lange Bahnstrecke dürfte mit Steigungen von bis zu 145 selbst zahlreiche Alpenbahnen in den Schatten stellen.
An der Straßenseite des Bahnhofes von Diakofto steht das dreiteilige Züglein meist schon bereit, wenn der Intercity aus Athen eintrifft. Selten steigen Touristen hier aus, die wenigsten nehmen auf dem Weg zum Fährhafen Patras die kleine Bahn überhaupt wahr. Höchstens 30 Leute passen in einen der zwei Personenwagen, in der Mitte befindet sich der flachere Generatorwagen, der den Strom für die Elektromotoren liefert.
Ende der fünfziger Jahre wurde der Dampfbetrieb eingestellt, es war geplant, die 1896 eröffnete Bahn zu elektrifizieren. Doch daraus wurde nichts, weshalb die damals beschafften elektrischen Triebwagen nun den Fahrstrom aus dem kleinen Generatorwagen beziehen. Mit einer Spurweite von 750mm ist es angeblich die schmalste für den öffentlichen Personenverkehr zugelassene Zahnradbahn der Welt. Da bleibt auch im Innern nicht viel Raum für Sitzkomfort. Die wenigen Fremden drücken sich zwischen die griechischen Hausfrauen mit ihren vollbepackten Einkaufstüten.

Wie im Karl May-Film

Schon zu Beginn der Fahrt fühlt man sich ein wenig wie in einer Achterbahn, das Züglein schaukelt aus Diakofto hinaus und steuert in einer engen Kurve direkt auf die hinter dem Küstendorf aufragenden Berge zu. Nach wenigen Minuten öffnet sich ein enges Tal, die Bahn fährt direkt hinein und folgt dem aus den Bergen sprudelnden Flußlauf des Vouraikos. Das Tal verengt sich zusehends, links und rechts ragen senkrecht die rötlichen Felsen empor. Manchmal sieht man oben Höhlen wie Adlerhorste, darüber nur der tiefblaue Himmel.
Stetig ansteigend fährt der Zug immer weiter in die Kalkschlucht hinein, jeder Kurve des Flusses folgend. Das Achterbahn-Gefühl verstärkt sich, doch während die Einheimischen davon kaum Notiz nehmen und in ihre Gespräche vertieft sind, raubt es den wenigen Fremden den Atem: eine Schlucht wie der Grand Canyon mit bis zu 800 Meter senkrecht aufsteigenden Felsen, ringsum nur wilde, unberührte Natur. Kameras werden gezückt, doch man weiß gar nicht, wo man draufhalten soll: auf einen der zahlreichen Wasserfälle, auf die gigantischen rötlichen Felsblöcke in schwindelerregender Höhe, auf bizarre Bäume an senkrechten Felswänden oder auf die ungehemmt wuchernde Natur?
Bevor man den Auslöser drücken kann, macht das Bähnlein schon wieder einen harten Schlenker, überquert eine altertümliche Eisenbrücke oder taucht in einen der neun Tunnels ein. Manchmal ist die Schlucht nicht mehr als fünf Meter breit, der Platz für die Gleise mußte aus dem senkrechten Fels gehauen werden, während weiter unten ein Wasserfall rauscht. Man fühlt sich in einen Karl May-Film versetzt, und es würde einen nicht wundern, wenn plötzlich Winnetou mit seinem Pferd oben auf einem Felsvorsprung stehen würde.
Die engste und abenteuerlichste Stelle in der Schlucht liegt bei Kilomter 10,8 und ist gerade mal zwei Meter breit, die Bahn überquert sie auf einer kleinen Brücke zwischen zwei Tunneln. Wie in einem Kamin ragen einen Moment lang links und rechts blanke Felsen empor, zwischen ihnen stürzt das Wasser in die Tiefe.
Wie es den Bahnbauern Ende des 19.Jahrhunderts gelang, diese Wildwasserbahn anzulegen, bleibt rätselhaft. Es gibt weit und breit keine erkennbaren Wege oder Straßen, über die man das Baumaterial hätte in die Schlucht transportieren können. Wahrscheinlich blieb während der siebenjährigen Bauzeit keine andere Wahl, als sich von unten nach oben Meter für Meter vorzuarbeiten. Die Züge erreichen heute immerhin eine Höchstgeschwindigkeit von 35 km/h, auf den 3,6 Kilometer langen Zahnradabschnitten geht es dagegen im Schrittempo steil nach oben.

Die Zeit steht still

Nachdem das Züglein genügend Höhe gewonnen hat, läßt die Wildromatik etwas nach. Das Tal weitet sich wieder, grüne Wiesen und Nadelwälder kommen ins Blickfeld. Und erste Anzeichen von Zivilisation. Beim Haltepunkt "Mega Spileo" befindet sich sogar ein Hotel. Von hier aus führt ein Wanderweg zum gleichnamigen Kloster. Es liegt auf etwa 1000 Meter Seehöhe und wurde im Jahre 362 in die Steilwand des Helmos-Gebirges gebaut. Auch von den anderen Haltepunkten entlang der Bahnstrecke lassen sich Wandertouren in die Umgebung starten. Man ist noch lange Zeit von der Fahrt durch die Schlucht berauscht, während das restliche Stück bis Kalavrita wieder unspektakulärer wird. Auf der Hochebene sieht es aus wie in den südlichen Alpen, alles ist grün, die wenigen Häuser liegen in Gärten mit Zypressen, Olivenbäumen und Wein. Die umliegenden Berge sind teilweise von Nadelwäldern bedeckt, auf manchem Gipfel hält sich lange Zeit der Winterschnee. Und ob man es glaubt oder nicht, in der Nähe befindet sich ein nicht unbedeutendes Wintersportzentrum mit zwei Pisten und Liften: Skifahren mit Blick auf den Golf von Korinth.
Wenn man am Ende der Fahrt während der Mittagshitze in der Taverne sitzt, denkt man kaum an Skifahren. Angenehm gesättigt von der üppigen Hausmannskost lehnt man sich zufrieden zurück. Der Blick geht durch die großen Fenstertüren der Vorderfront auf einen kleinen Platz. Ein paar Einheimische sitzen vor der Taverne an kleinen Tischchen unter den Schatten spendenden Platanen und spielen Backgammon. Gegenüber steht einer dieser alten türkis-beigen Mercedes-Linienbusse zur Weiterfahrt in die umliegenden Bergdörfer. Aus den Lautsprechern tönt griechische Schlagermusik, die vom Gezwitscher der Kanarienvögel untermalt wird: fünf Vögel in fünf Käfigen bei den Fenstern. Außerdem scheint der Wirt ein Faible für Uhren zu haben: elf Stück sind über die holzvertäfelten Wände verteilt. Auch wenn sie alle korrekt die Uhrzeit anzeigen - hier oben in Kalavrita scheint die Zeit doch stehengeblieben zu sein.


Info Peloponnes-Schmalspurbahn:

Die Schmalspurbahn von Diakofto nach Kalavrita wurde am 10.März 1896 eröffnet und feierte 1996 ihr hundertjähriges Bestehen. Die 750mm-Bahn führt vom Küstenort Diakofto (10,4 m ü. Seehöhe) bis auf 720,4 Meter. Ursprünglich solte sie über Kalavrita hinaus über Levidion bis Tripolis (rund 90 Kilometer) und über Maguliana und Dimitsana nach Karitena (rund 80 Kilometer) weitergebaut werden. Die 22,3 Kilometer lange Strecke verfügt auf 3,5 Kilometer über Zahnstangenabschnitte nach dem System Abt. Die Steigungen liegen dabei zwischen 33 Promille und 145 Promille. Bis Ende der 50er Jahre versahen sechs Dampflokomotiven den Betrieb, die alle noch erhalten sind. Eine der 1891 von Cail, Paris gelieferten Maschinen stand bis zum hundertjährigen Jubiläum 1996 als Denkmal beim Bahnhof in Diakofto. Seitdem ist sie wieder betriebsfähig. Eine Modernisierung der Bahn ist geplant, scheint aber derzeit aus Kostengründen zu scheitern.
Anreise: Auf der Strecke nach Kalavrita verkehren täglich vier Zugpaare. In Diakofto startet die Schmalspurbahn etwa alle zwei Stunden zwischen 8.00 Uhr und 16.00 Uhr. Dort besteht auch Anschluß an die Intercity-Züge zwischen Athen und dem Fährhafen Patras. Von Trapeza aus führt auch eine Straße in die Berge nach Kalavrita.
Video: Im Nachtprogramm der ARD kann ebenfalls von Diakofto nach Kalavrita gereist werden. In der Reihe "Die schönsten Bahnstrecken Europas" wird zeitweise die aus dem Führerstand gefilmte Bahnfahrt gezeigt. Das entsprechende Video ist beim EK-Verlag, Postfach 5560, 79022 Freiburg erhältlich.
Auskunft: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt/Main. Tel: 069-236561, Fax: 069-236576

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